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Unter der Gürtellinie, Vereinigte Bühnen Krefeld/M

Unter der Gürtellinie

Kindergarten in der Wüste

Schon die Art seiner Ankunft lässt nicht Gutes vermuten: Dobbitt (Adrian Linke) wird aus einer Röhre in seine neue Abteilung gespuckt und kullert direkt dem feindseligen Hanrahan (Stefan Diekmann) vor die Füße. Eine unwirkliche Welt ist es, in die Regisseur Thorsten Duit Dobbitt da kullern lässt. Der Gastregisseur aus Leipzig macht aus Richard Dressers Stück „Unter der Gürtellinie“ eine knapp zwei Stunden andauernde Freak-Show, an deren Ende Einsamkeit steht.
Drei sehr unterschiedliche Männer auf engstem Raum in einer Fabrik am Wüstenrand. Um sie herum Zäune und Wachposten. In der Nacht starren sie die gelben Augen unbekannter Tiere an. Wie verhalten sich die Männer in dieser Situation? Nun, Thorsten Duit hat darauf ein einleuchtende Antwort gefunden: kindisch. Da wird wie in einem Kindergarten gestritten: Wer darf den Fluss in welcher Richtung betrachten? Wer wird vom Boss mit welchem Pieps-Signal gerufen? Jede Kleinigkeit gerät hier zum Zankapfel.
Motor dieser zänkischen Menage à trois ist Abteilungsleiter Merkin (Christopher Wintgens). Der Chef ist in dieser Inszenierung eine groteske Erscheinung: blind, langer Webpelzmantel mit Leopardenmuster über der einheitlichen Arbeitskleidung, die Haare zerzaust mit kahlen Stellen. Eine heruntergekommene, durchgeknallte Gestalt, die unter den beiden Mitarbeitern gezielt Zwietracht sät und gleichzeitig von Versagensängsten geplagt wird. Mit dem Zyniker Hanrahan und dem freundlich-naiven Dobbitt stehen ihm zwei Pole gegenüber, die reichlich Spannungen hervorrufen. Regisseur Thorsten Duit achtet peinlich genau darauf, dass keine der drei Figuren dominiert. Jede Figur hat ausgewogen sympathische und weniger sympathische Züge an sich. So hält der Zyniker Hanrahan wie ein kleiner ängstlicher Junge einen Teddy im Arm, während er gleichzeitig mit brutalen Worten Dobbitt fertig macht. Auch wenn sie sich untereinander uneins sind: Geht es gegen die feindliche Außenwelt, formieren die drei eine trotzige Front. Süß garniert mit Sprühsahne aus de Dose. Ähnlich zankenden Kindern, die sich plötzlich gegen der schlichtenden Erwachsenen verbünden.
Im Bühnenbild von Gabriele Wasmuth finden die drei Figuren einen Kampfplatz, auf dem sie sich austoben können. Bis ihnen die Puste ausgeht oder bis sich einer von ihnen an der immer bereit liegenden Infusionsnadel mit schlürfendem Geräusch ein paar Frischzellen zuführt, Sie sind zwar freiwillig an diesem Ort, aber letztendlich doch gefangen. Und je länger sie zusammen sind, umso ähnlicher lässt die Regie die Figuren werden. Hanrahan ist nicht mehr so zynisch, Dobbitt nicht mehr so nett. Am Ende sind sie trotzdem einsam.
(Rheinische Post, 26. November 2007)
Die Hamster im Rad haben es besser

Die Hamster im Rad haben es besser. Die stellen sich nicht die Frage nach dem Sinn ihrer Tätigkeit. Die erkennen nicht die Würdelosigkeit ihrer Existenz in einem Käfig. Ihre Unfreiheit. Das bleibt Hanrahan und Dobbit nicht erspart. Zwei Männer in einer Fabrik, die überall sein kann - und nirgendwo. Stefan Diekmann und Adrian Linke spielen sie in „Unter der Gürtellinie" von Richard Dresser, das im Theaterstudio Premiere feierte.
Dabei gibt sich „die Firma" alle Mühe, die beiden nicht zum Denken kommen zu lassen. Sie werden isoliert, man verweigert ihnen geistige, seelische und physische Rückzugsmöglichkeiten, verstrickt sie in ein undurchdringliches Spiel von Belohnung und Bestrafung, für das Merkin, gespielt von Christopher Wintgens, der Vorgesetzte der beiden, zuständig ist.
Alltagssituationen aus der Realität des Arbeitslebens. Doch das Stück steigert sie ins Absurde, steigert die Beklemmung - und ermöglicht gleichzeitig Distanz. Bühnen- und Kostümbildnerin Gabriele Wasmuth gibt dem einen angemessenen Raum, Regisseur Thorsten Duit inszeniert klug, alle drei Schauspieler agieren leidenschaftlich und ernsthaft, geben die Charaktere in ihrer Absurdität nicht der Lächerlichkeit preis.
Die Fabrik wird verlegt in ein Meer aus Blau und Beige, ein Steg als Ausdruck der Sehnsucht, ein Verschlag für den Vorgesetzten, der sich zwar zurückziehen, aber nicht richtig abgrenzen kann, und bedrohend allgegenwärtig ist. Wie schnell der Neuankömmling Dobbit bereit ist, den Lauf des Hamsters im Rad mitzulaufen, sich im wahrsten Sinne des Wortes und mit einem schrecklichen, schlürfenden Geräusch ebenfalls das Blut absaugen zu lassen von der Firma.
Doch das Stück hat etwas Versöhnliches: Die beiden Männer finden durch die anfänglichen Gemeinheiten hindurch zu einer Nähe. Die ist für Dobbit so wichtig, dass er bereit ist, mit perfiden Mitteln ein Weggehen Hanrahans zu verhindern. Trotzdem nimmt der die Versetzung in die Heimat an, auch auf die Gefahr hin, dass es dort niemanden gibt, der auf ihn wartet. Er entscheidet sich für die Freiheit.
Lange anhaltender Applaus für diesen beeindruckenden Theaterabend.
(Westdeutsche Zeitung, 26. November 2007)