Dantons Tod
Dantons Tod
Moderne Revolutionäre unter der Guillotine
Thorsten Duit inszeniert Dantons Tod sprach- und bildgewaltig.
Die Familie hat es sich auf der Couch vor dem Fernseher bequem gemacht. Die Kinder erzählen die Vorgeschichte: Man fragt sich, ob Danton oder Robespierre cooler sei - die Französische Revolution, obwohl knapp 220 Jahre vergangen, ist in der Gegenwart angekommen. Bereits die Eröffnungsszene der zweistündigen Aufführung von Georg Büchners „Dantons Tod" verspricht eine lebendig-frische Umsetzung des klassischen Dramentextes auf der Gladbacher Theaterbühne. Gast-Regisseur Thorsten Duit setzt dabei auf die emotionale Kraft der schauspielerischen Darstellung: Schlachtrufe wie „Totgeschlagen" oder „Wir wollen Blut" ertönen, ein Bierkasten wird wie eine Guillotine auf den Boden geschlagen und Revolutionsparolen werden an Wände geschmiert oder dienen als Pullover-Aufdruck. Allein die ersten 30 Minuten bieten bestes Konfrontationstheater, dem sich das Premierenpublikum nur schwer entziehen kann. Eingebettet hat Duit das fragmentarische Geschehen um die beiden Revolutionäre Danton und Robespierre in ein imposantes Bühnenbild.
Das Wasserbecken wird zum Massengrab
Umrahmt von silbrig-glänzenden Folienwänden hat Ausstatter Michael Kraus ein Wasserbecken angelegt, das später als blutiges Massengrab dient. Gelungen ist auch die Wiedergabe von Büchners politisch-philosophischer Sprachgewalt. Monologe um die freiheitlichen Ideale werden mit großer Leidenschaft wie große Reden moderiert, von resignierter Melancholie zu Zeiten der Schreckensherrschaft ist hier nichts zu spüren. (...)
(Westdeutsche Zeitung, 5. Januar 2009)
Danton stirbt im Blut-Bad
Thorsten Duit inszenierte Dantons Tod. Er zeigt Büchners Drama ohne überfütternde historische Details, dafür mit Bezug zur Gegenwart: frisch, kurzweilig und laut.
„Dantons Tod" hält noch immer eine Frage am Leben: Resignation und Anpassung oder lieber Auflehnung - egal um welchen Preis? Wer sich je durch Büchners Drama gequält hat - immer den Erklärungsband griffbereit, um alle historischen Details zuordnen zu können -, der ist dem Regisseur für diese Inszenierung dankbar. Sie ist frisch, frech, kurzweilig. (...) Duit hat den Text stark gestrafft, hat den Gesellschaftsfrust von 2008 als Klammer eingeführt. Die Französische Revolution könnte im deutschen Wohnzimmer toben - wenn da jemand Stellung bezöge. Aber Dantons Appell: „Die Republik ist in Gefahr" ist hier nur TV-Wirklichkeit. Duit hat starke Bilder gefunden. Robespierre, der Jakobinerführer, der die Revolution um jeden Preis will und für die Tugend der neuen Gesellschaft nur zu gerne Köpfe rollen lässt, schlägt einen Bierkasten wie eine Guillotine. Ralf Beckord gibt den Königsfeind als kühl-gerissenen Sektenführer, eher zurückhaltend als angriffslustig - einer, der sich die Finger nicht selbst schmutzig machen will. Und lässt Stefan Diekmann als maliziös-gerissenem St. Just Raum. Er ist der Volkaufhetzer, der sogar das Ehepaar auf dem Sofa (Jörg Malchow und Anja Barth) für Dantons Verurteilung aufstehen lässt. Danton hat längst Zweifel, ob die Revolution so viele Opfer wert war. Sven Seeburg ist der Zerrissene, der statt den früheren Lebemann eher den tief Frustrierten herauskehrt. Er ist kein Radikalinski. (...) Michael Kraus hat dazu eine raffiniert-kühle Bühne geschaffen. Verspiegelte Drehwände geben unendliche Tiefe. Ein Schwimmbecken, das sich mit dem Blut der Revolutionäre füllt, wird schließlich zum Massengrab. Versaille hat damals anders ausgesehen. Aber die Marseillaise, von Juan Garcia lustvoll variiert vom pathetischen Nationalgesang bis zur Popversion, jongliert dazu passend mit der Historie.
(Rheinische Post, 15. September 2008)
Das große Köpferollen
In Krefeld inszeniert Thorsten Duit Büchners „Dantons Tod" mit bitterer Prise.
Die Familie hat vor dem Fernseher Platz genommen: Papa mit Bierflasche, Mama in seliger Erwartung, die Kinder aufgeregt streitend. Nichts ist schöner als Hinrichtungen zur besten Sendezeit. Die Feinde der Revolution werden einen Kopf kürzer gemacht, ihre Schreie, ihr Beten und Beteuern schallt aus dem Publikum, während der tugendhafte Henker Robespierre den Bierkasten wie ein Fallbeil auf den Bühnenboden niedersausen lässt. (...) Regisseur Thorsten Duit lässt die Darsteller durch das Publikum streifen, wispern, brüllen und stapfen, bis der Boden die Erschütterung weitergibt und die Zuschauer fast selbst zum Teil einer manipulierbaren Masse werden. Zu jener Zeit, vier Jahre nach der Revolution, lebt das Volk in unsagbarem Elend und schreit nach dem Blut jener, die sich den Bauch vollschlagen, saufen und huren. Danton (Sven Seeburg), gefeierter Revolutionär und eitler Lebemann, hat genug von den täglichen Greueln. Er wird zur Gefahr für seinen Weggefährten Robespierre (Ralf Beckord). „Die Tugend muss durch den Schrecken herrschen", lautet dessen Leitsatz, ein zeitloses Credo für Diktatoren aller Art. Robespierre und sein eiskalt lächelnder Propagandaminister St. Just (großartig: Stefan Diekmann) sind Herren ohne jede Regung, Manager der Macht, die über Leichen gehen, um die Revolution auf Kurs zu halten. Sie schmieden Pläne, Danton und seine Freunde aus der Welt zu räumen.
Strudel aus Licht und Bewegung, Eimerweise Blut auf Danton
Thorsten Duit lässt die in Ungnade Gefallenen in eine Wassergrube werfen, sichtbar fast nur als verzerrtes Bild in einem riesigen Deckenspiegel. Auch die Seitenwände der Bühne bestehen aus verspiegelten Drehtüren. In der besten Szene der Inszenierung wirbeln sie herum und erzeugen einen Strudel aus Licht und Bewegung, während sich Eimer voll Blut über Danton ergießen. (...) Das Bühnenbild von Michael S. Kraus, die Musik in ironischen Variationen der Marseillaise (Juan Garcia) und Duits energische Inszenierung wirken aus einem Guss, das Ergebnis genauer Lektüre und der klaren Idee, klaren Idee, die Revolution hinaus in den Theatersaal zu tragen. (...)
(Westdeutsche Zeitung, 15. September 2008)
