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6 Tanzstunden in 6 Wochen

6 Tanzstunden in 6 Wochen, LVZ

Das ganze Leben

Launige Premiere am Schauspiel Leipzig: Richard Alfieris Hit „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“



So ist das in Kultursparzeiten: Die Souffleuse macht einen multifunktionalen Job. Außer dem eigentlichen des diskreten Text-Einsagers mimt sie eine Art Nummern-Girl. Auch Auf- wie Abräumen von Requisiten gehört zu ihren Obliegenheiten, wobei sie schon mal einen kräftigen Zug aus einer Flasche nimmt. Zumindest im Fall der Leipziger Inszenierung von „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“, die Dienstagabend im Schauspielhaus schwungvoll Premiere feierte – nachdem sich das schlagfertig tragikomische Stück von Richard Alfieri schon andernorts in Deutschland, etwa in Cottbus und Halle, als Publikumserfolg erwiesen hat.
Dabei geht’s um nicht weniger als das ganze Leben, also Einsamkeit und Tod, aber auch Vertrauen, Mitgefühl – und Erotik. Und ziemlich sportlich ist die Sache überdies, denn Lily, Anfang 70 und Ex-Schauspielstar, bucht Michael, etwas mehr als halb so alt, kapriziös boshafter Schwuler und einstiger Revuestar, zur sinnvollen Freizeitgestaltung mit Cha-Cha & Co., daheim in ihrem großzügigen Salon. Gratis zu den in Wiegeschritt und Walzertakt übersetzten Schrittkombinationen wird bei der Gelegenheit außer einigen kulturhistorischen Bildungshappen eine Portion Beziehungskrieg geliefert. So zofft und sprüht und funkt es zwischen der ziemlich feschen älteren Dame und dem smart unorthodoxen Herrn. Aus eingestandener Enttäuschung wächst Sehnsucht nach Nähe, etwas wie Liebe, die mit dem ursprünglichen Dienstleistungsvertrag nicht endet.
Eine schöne Geschichte, spannungsvoll ironisch erzählt auf dem gefährlich scharfen Grat zwischen allen üblichen gesellschaftlichen Vereinbarungen. Dazu zwischen Lachen und Weinen – so, wie man es an intelligenten Hollywoodproduktionen schätzt. Weshalb es dem kurzweiligen Abend in der plüschig verwandelten Garderobenhalle an der Bosestraße auch nicht wirklich schadet, dass das Team um Regisseur Thorsten Duit die Handlung über den Atlantik geholt und hier angesiedelt hat. Wirklich nützlich allerdings scheint die geografische Operation auch nicht. Dialogwitz funktioniert weniger abhängig von der konkreten Verortung als vom Können derer, die ihn vortragen.
In diesem Fall ein Traumpaar, wie sich erweist: Barbara Trommer, die lange in keiner großen Rolle zu sehen war, gibt ihrer Lily anstelle möglicher divenhafter Abgedrehtheit zauberhaft borstige Bodenhaftung und genügend verführerische Samttöne – zur überzeugenden Leichtfüßigkeit der Tanzszenen, denen man das schweißtreibende Training nicht mehr anmerkt. Kompliment! Im selben Maß an die Adresse von Tobias J. Lehmann, der den vielfältig enttäuschten Verführer mimt, hinreichend durchtrieben, anhaltend rebellisch und mit genügend Tristesse. Ein hinreißendes Duo, zwischen dem mit abnehmendem Zankpegel sacht Vertrauen wächst und Zuneigung. Und viel mehr als artistisch bemühte Leibesübung wie beim TV-Format „Let’s dance!“, weshalb sich einmal mehr zeigt, dass der Ausflug vom Sofa ins Theater allemal lohnt.
Es ist einfach authentischer, lebendiger, ehrlicher – so live. Das beginnt bei diesem oder jenem der Premierennervosität geschuldeten Schnitzer und hört nicht damit auf, dass man die Akteure zuweilen leise keuchen hört. Leben ist anstrengender als Tanzen, fordernder, aber auch unterhaltsamer. Selbst wenn es ans Sterben geht, egal, ob früher oder später. Das war zu lernen, bei allem gebotenen Ernst vor allem lust- und schwungvoll. Wie dass Mensch dem aktuellen Spielzeitmotto gemäß nie sicher sein kann: Seiner selbst nicht. Seiner Vorurteile nicht. Seiner Rollen nicht. Und seines wahrscheinlichen Schicksals schon gar nicht. Jede Tanzstunde zum Beispiel kann eine Wende bringen. Schöne Idee.
Am Schluss verbeugt sich auch die Souffleuse im gut gelaunten Beifall des amüsiert aufgeräumten Auditoriums. Wie die anderen verdient. Gisela Hoyer
⁄Wieder: 6./28. November (20 Uhr), heute (19 Uhr) Theaterstammtisch mit Matthias Hummitzsch; Karten/Infos unter Tel. 0341 1268168; www.schauspiel-leipzig.de

Leipziger Volkszeitung, 25.10.2007